Der Ergativ ist ein Kasus in Ergativsprachen. Er dient zur Kennzeichnung des Handlungsträgers bei transitiven Verben in der Standard-Diathese.
Bekannte Ergativsprachen sind z.B. das Baskische, Kurmandschi, Paschto (in Afghanistan) und Hindi.
Von der semantischen Funktion her entspricht der Ergativ zum Teil dem Nominativ in Akkusativsprachen - wie z.B. die romanischen und germanischen Sprachen.
Der Unterschied von Ergativsprachen gegenüber Akkusativsprachen besteht darin, dass Ergativsprachen die Funktion des Subjektskasus trennen und folgerichtig mit verschiedenen Formen zum Ausdruck bringen.
Vgl. folgende Beispiele:
(1) Herr Müller schreibt einen Brief.
(2) Herr Müller leidet unter Mobbing.
(3) Die Arbeitskollegen quälen Herrn Müller.
(4) Herr Müller wird von den Arbeitskollegen gequält.
In Beispiel (1) ist das "Subjekt" Herr Müller tatsächlich der Agens, der Träger der Handlung "Briefschreiben". In Beispiel (2) ist Herr Müller nicht so sehr Handlungsträger als vielmehr derjenige, der unter dem Vorgang "Mobbing" leidet, also eigentlich Patiens. Damit nimmt Herr Müller in (2) dieselbe Funktion ein wie in (3) und dann in (4). Diese Funktionsidentität des Satzglieds Herr Müller bei (2), (3) und (4) wird in Ergativsprachen durch die Kasusidentität unterstrichen; es steht in allen drei Fällen ein unmarkierter Kasus (der in Ergativsprachen Absolutiv genannt wird). Dagegen haben die Arbeitskollegen in Satz (3) und (4) dieselbe Funktion inne: die des Handlungsträgers = des Agens. Sie stehen deshalb nach der Logik der Ergativsprachen auch im selben Fall, dem "Ergativ".
Ein Beispiel aus dem Hindi soll dies verdeutlichen: Nehmen wir einen Satz in der Gegenwart, von einem Mann gesprochen: män chai piitaa hun = ich trinke Tee (wörtl. "ich Tee trinkender bin"). Dabei ist "Chai" feminin. Hindi-Verben drücken meist das Geschlecht des Agens mit aus. Setzen wir diesen Satz nun in die Vergangenheit, so muß aus dem "ich" ein "von mir" werden, und das Verb erhält dann die feminine Endung: män ne chai pii = ich trank Tee (wörtl. "von mir Tee getrunkene".) Die wörtliche Übersetzung aus dem Deutschen "ich Tee getrunkener" ist falsch und wird von Hindi-Sprechern nicht verstanden.
In einigen Ergativsprachen, z.B. im Eskimo-Aleutischen, ist der Ergativ mit dem Genitiv identisch (possesive Satzkonstruktion).